Hans:
Angelique: Du hast gesagt, du bist Devotee, was gefällt dir da so?
Hans: Mir gefallen amputierte Frauen, die durchaus mehrfach amputiert sein dürfen,
ich mag Frauen, die in gewissem Sinne "unvollständig" sind, dabei aber
trotzdem voll im Leben stehen. Ohne das jetzt irgendwie einengen zu wollen,
auf eine bestimmte Amputation, wie Bein - oder Armamputation, mir gefällt
einfach der Anblick einer amputierten Frau, wobei auch Frauen im Rollstuhl
mir sehr gefallen, die sind mir schon vor vielen Jahren aufgefallen, da habe
ich hinterhergeschaut, aber mich nie getraut, eine anzusprechen.
So bin ich
überhaupt auf dieses Phänomen gestoßen. Ich habe damals gemerkt, daß ich
nicht nur einer hübschen Frau gerne hinterherschaue, sondern auch sehr
erregt werde, wenn ich behinderte Frauen im Rollstuhl und vor allem auch
amputierte Frauen sehe.
Anfangs dachte ich, das ist eben etwas Neues, Unbekanntes, so als ob jemand
besonders groß oder klein ist, da schaut man ja fast automatisch hin. Das
hat schon diese Komponente auch, aber das mich besonders ansprechende ist
eben die Behinderung.
A:Wann ist dir das erste Mal bewußt geworden, daß dir behinderte Frauen
gefallen?
H: Ist schwer zu sagen, weil ich mir nie große Gedanken gemacht habe, wie weit
das zurückliegt. An eines kann ich mich erinnern: Im Bekanntenkreis meiner
Mutter gab es eine oberschenkelamputierte Frau, die uns immer wieder besucht
hat. Und die damit so psychologisch das übliche Schlüsselerlebnis
dargestellt hat, das man als Devotee so hat. Und dann hat es jahrelang so
geschlummert, bis zu Studienkontakten. Damals hab ich noch gar nicht
gewußt, daß es so was wie Devotees gibt, ich habe nur Kontakte zu
Behinderten gesucht.
Und erst im Laufe der letzten 8 Jahre ist mir klar geworden, daß es Devotees
gibt, daß ich nicht der einzige bin auf der Welt, der so empfindet. Mit den
heutigen Kenntnissen rückblickend würde ich sagen, solange ich zurückdenken
kann, ist diese Faszination schon dagewesen.
A: Wie alt warst du da, wie diese Frau auf Besuch gekommen ist?
H: Klein, sehr klein. Das ist eine Kindheitsfreundin meiner Mutter, die in
regelmäßigen Abständen, so einmal im Jahr zu Besuch kam, ich kann mich an
nichts spezifisches erinnern. Ich kann mich nur erinnern, daß dieser Frau
immer ein Sonderstatus zugewiesen wurde, alle haben gesagt "die ist
beinamputiert", und daß das auf mich anders gewirkt hat, als andere Besucher
bei uns zu Hause.
A: Wann ist dir das klar geworden, daß diese Frau so anders ist als andere
Besucher?
H: Die Frage kann ich nicht beantworten, weil ich nicht weiß, wie das damals
für mich war. Ich weiß, daß es mir in Erinnerung geblieben ist. Ich weiß,
das ich mich auch an den Anblick dieser hinkenden Frau noch gut erinnern
kann. Aber ich weiß nicht, wie alt ich damals war. Sie war eben anders durch
ihre Prothese, dieses Kunstglied, sie ging anders, setzte sich anders hin,
mußte sich oft ausruhen, alles war eben ganz anders, als bei anderen
Besuchern.
Rückblickend, als ich mit dem Devotee-Phänomen in Kontakt kam, von anderen
hörte, daß es überall in der Kindheit solche Schlüsselerlebnisse zu geben
scheint, da habe ich diese Erinnerungen als mein persönliches
Schlüsselerlebnis für mich entdeckt.
A: Und die ist immer mit Prothese gekommen, oder auch mit Krücken?
H: Nein, immer nur mit Prothese
A: Also, du hast nicht wirklich was gesehen?
H: Ich habe nie irgendwas gesehen, habe auch nie irgendwas gesucht, so in dem
Sinne, da ist was, das möchte ich entdecken oder so. Ich weiß nur, daß bei
diesen Besuchen immer der Satz im Raum gestanden ist: "die ist
beinamputiert"
Und damit irgendwas besonderes, etwas anderes, das ist das einzige, was sie
von anderen unterscheidet.
A: Suchst du jetzt eine Freundin, die beinamputiert ist? Oder anders behindert?
H: Suchen in Anführungsstrichen. Wenn mir da jemand über den Weg laufen würde,
wäre es in Ordnung, aber ich gehöre jetzt nicht zu denen, die mit aller
Macht, ausschließlich jemanden suchen, der behindert ist. Das sind meine
Traumfrauen, aber ich bin inzwischen über 40 und so realistisch, daß ich
weiß, daß man den Traumfrauen wahrscheinlich nicht über den Weg läuft.
Ich war mit einer nicht behinderten Frrau verheiratet und diese Ehe ist mit
einer gewissen Wahrscheinlichkeit nicht zuletzt auch daran gescheitert, daß
meine Frau von meinen Neigungen erfahren hat, und an dem scheinbaren
Anspruch von mir gescheitert ist, mit 4 Gliedmaßen meine
Schönheitsanforderungen nicht erfüllen konnte. Bei ihr hat sich ein Frust
angestaut, weil sie meinte, ich suche etwas, was sie mir nicht geben kann.
Von der Seite weiß ich, wie problematisch es ist, für jemanden der nicht
behindert ist, weiß aber auch, daß ich mich genauso wie in eine behinderte
Frau, auch in eine nicht behinderte Frau verlieben kann und auch nicht der
Meinung bin, möglichst noch beidseitig oberschenkelamputiert, oder eine
andere bestimmte Behinderung, wie auch immer, ich habe eher das Gefühl, ich
bin ganz offen.
Ich habe in meinem Freundeskreis früher viele Behinderte
gehabt, sei es Conterganbehindert, sei es querschnittgelähmt, sei es auch
amputiert, Es muß einfach noch viel mehr dazukommen, um mit jemandem eine
Beziehung einzugehen. Ich fände es absurd zu sagen, ich will eine amputierte
Frau, egal, wie die charakterlich ist, egal, wie die sonst aussieht, die muß
amputiert sein, der Rest ist egal. So denke ich überhaupt nicht. Im
Gegenteil, es muß für mich noch viel mehr als Rahmenbedingungen da sein, um
mit einer Frau eine Beziehung eingehen zu wollen. Insofern möchte ich diese
Suche schon bejahen, andererseits auch relativieren.
Natürlich glaube ich,
ist man immer auf der Suche, wenn man so eine Neigung hat, dann ist es
legitim, daß man natürlich vornehmlich nach solchen Frauen schaut. Jemand,
der auf langhaarige blonde Frauen steht, der wird eine langhaarigen, blonden
Frau auch eher hinterherschauen, als einer kurzhaarigen roten, was natürlich
auch legitim ist.
A: Warum glaubst du gibt es überhaupt devotees?
H: Ich glaube, daß es sie gibt, wie es andere gibt, die schlanke, dünne, dicke,
langhaarige, kurzhaarige, bebrillte, was weiß ich...für Frauentypen
attraktiv finden, oder Frauen die entsprechende Männertypen attraktiv
finden. So glaube ich, gibt es auch Möglichkeiten auf bestimmte
Eigenschaften mehr anzusprechen als andere. Ich halte den Devotee in dem
Sinne zwar für außergewöhnlich, weil es davon natürlich nicht so viele gibt
wie andere, die nicht behinderte, nicht amputierte Männer oder Frauen
attraktiv finden, andererseits glaube ich, daß das eine Art, ist die man
ausleben darf, nicht im Sinne von "das ist krank" oder so; sondern jemand
der bei sich diese Attraktion für Behinderte entdeckt, sollte aus meiner
Sicht lernen, damit umzugehen, es in sein Leben soweit zu integrieren, daß
er damit auf irgendeine Art klarkommt und nicht mit dem Gefühl durchs Leben
geht, "ich bin krank, ich muß einen Therapeuten finden der mir das
wegtherapiert".
Und aus dieser Motivation mache ich mir nicht viele Gedanken, warum ich so
bin, wo es herkommt, ich nehme es einfach als gegeben und habe dann auch mit
den Jahren gelernt, an mir das zu akzeptieren, so bin ich, das ist meine
Vorliebe oder vielmehr eine meiner Vorlieben. Und so wie ich nicht auf
andere herunterschaue, die andere Vorlieben haben, so möchte ich nicht, daß
andere auf mich herunterschauen, und sagen "Der ist ja krank, der ist
pervers".
Ich fühle mich genauso als Mensch wie andere, nur hab ich ein anderes
Schönheitsideal. Als damals Ende der sechziger Jahre alle für betont
schlanke Twiggy-Typen schwärmten, war das für mich anders, ich mag schlanke,
aber keine spindeldürren Frauen, aber wer's mag, okay. Geanuso sollte man
mit Devotees umgehen, niemand muß unsere Vorlieben teilen, er könnte aber
versuchen, sie zu respektieren.
A: Hast du jemals eine behinderte Freundin gehabt?
H: Es kam einmal kurzfristig zu einem etwas engeren Kontakt während meiner
Studienzeit, der dann aber abbrach aus völlig anderen Gründen. Also, ich
kann nicht sagen, daß ich über längere Zeit mit einer behinderten Freundin
zusammen war oder Sexualkontakte gehabt hätte. Es spielte sich mehr auf den
freundschaftlichen Ebenen ab, heutzutage vermute ich, daß ich diesen Wunsch
schon sehr früh gespürt habe ohne ihn zu realisieren und eben, weil ich
nicht damit klar kam, eher davor zurückgeschreckt bin, und gedacht habe, da
ist zwar eine Attraktion, aber da muß ich vorsichtig sein, darf das nicht
auf die Spitze treiben oder wie auch immer. Wenn ich heute rückblickend die
Situation betrachte, hätte es einige Möglichkeiten gegeben, aber
..................
Ich denke, das hat auch viel damit zu tun, daß es eben lange Jahre etwas
war, das so mehr oder weniger unter der Oberfläche geschwelt hat und als
Attraktion da war, aber nicht im Sinne von "bewußt" oder gar bearbeitet oder
akzeptiert.
Wenn man da ein Objekt seine Begierde sieht, da ist natürlich einerseits
eine Anziehung und Faszination, aber auf der andere Seite auch eine Instanz
in einem, die gerade davor zurückschreckt, dort Farbe zu bekennen. Dann eben
eher vorsichtig... Heute würde ich da anders reagieren, wo ich meine
Neigungen kenne und sie akzeptiert habe.
Wenn ich heute eine behinderte Frau
kennenlerne, würde ich nicht zu Anfang gleich mit der Tür ins Haus fallen,
aber zumindest auf irgendeine Art diesen ganzen Themenkreis anzusprechen.
Und nicht damit hinterm Berg halten.
Damals bei den behinderten, jungen Frauen, die ich im Studium kennengelernt
habe, wär es unmöglich gewesen für mich darüber zu sprechen, weil ich selber
fast nichts drüber wußte, wie ich mir selber nicht darüber im klaren war,
das es sowas wie Devotees gibt.
Der zweite Teil dieses Interviews folgt in ein paar Tagen.
Angelique,am 2.Juli 2000
Du kannst Hans schreiben an ego@everymail.net